Maßarbeit vollbringen Schulleiter Stefan Schwarzer (rechts) und Konrektor Marcelo Jansen, wenn es um die Abstandswahrung in den Klassen gehtRheinbach. Einen Zollstock haben Stefan Schwarzer, Rektor des Städtischen Gymnasiums Rheinbach, und Konrektor Marcelo Jansen immer griffbereit. Denn: Trotz aller digitalen Helfer des Alltags ist das einklappbare Maßband aus Holz ein wichtiges Utensil geworden, um die Arbeit der Schulleitung in Zeiten einer weltweiten Pandemie meistern zu können. Und wenn ein neuer Corona-Fall in dem Gymnasium mit 1100 Schülern das Rektorenteam erreicht hat, steht am Ende einer langen Kette von Arbeitsschritten auch jener, die durch Quarantäneanordnungen veränderten Sitzpläne in den Klassenräumen im Wortsinne zurecht zu rücken.


Auf dem großen Konferenztisch im Schulleiterzimmer haben Schwarzer und Jansen all die Klassen- und Kurslisten sowie Stunden- und Sitzpläne drapiert, die vonnöten sind, um nachverfolgen zu können, wann ein positiv auf Corona getesteter Schüler wo, neben wem und bei welchem Lehrerkollegen dem Unterricht gefolgt ist. „So verbringen wir derzeit auch unsere Sonntage“, sagt Schwarzer. Nämlich dann, wenn die Eltern einen Corona-Fall nach Schulschluss am Freitag melden. „Sonntags von 12 bis 19 Uhr ist in den vergangenen Monaten häufig die Zeit, in der wir uns zur Nachverfolgung im Büro treffen“, berichtet der 47 Jahre alte Schulleiter, der seit sieben Jahren an der 1852 gegründeten Schule das Sagen hat.
Schließlich müssen trotz des Wochenendes dem Kreis-Gesundheitsamt alle möglichen Kontaktpersonen gemeldet werden. „Das kann unmöglich bis zum nächsten Tag warten – nur weil Sonntag ist“, findet Jansen. Um potenzielle Infektionsketten zu sprengen, ist auch an Wochenenden Eile statt Entschleunigung gefragt. „Wir müssen verhindern, dass Eltern ihre Kinder, von denen wir nicht wissen, ob sie infiziert sind, am nächsten Morgen in den Schulbus setzen“, so Schwarzer.
Während Schwarzer und Jansen den Fall einer erkrankten Schülerin aus der vergangenen Woche schildern, deren abendliche Krankmeldung nach Positivtestung die Absage einer Leistungskursklausur am nächsten Morgen zur Folge hatte, kommt plötzlich Arbeit auf das Schulleiterduo zu: Aus dem Sekretariat nebenan erreicht sie die Kunde, dass eine Mittelstufenschülerin Corona hat. Schon eingespielt ist, dass das Sekretariatsteam dann am Telefon direkt die richtigen Fragen stellt: „Wir müssen wissen, wann das Kind zuletzt in der Schule war, an welchen Stunden es teilgenommen hat und ab wann Symptome aufgetreten sind“, weiß Jansen, der seit Februar 2017 stellvertretender Schulleiter des Städtischen Gymnasiums ist.
Aus den Erkenntnissen, dass die Schülerin vergangene Woche – offenbar mit damals kaum beachtetem Halsweh – in der Schule war, erwächst die Notwendigkeit, alle Mitschüler und Lehrer anhand von Klassenlisten und Stundentafeln herauszufinden. Farbig werden auf dem Sitzplan diejenigen markiert, die der Kontaktperson im Klassenraum besonders nah gekommen sind.
Fast schon detektivische Fähigkeiten sind vonnöten, um alle Eventualitäten abzuklären: „Wir müssen wissen, wer gefehlt hat und ob etwa im Chemieunterricht die Masken abgenommen worden sind, weil mit einem Bunsenbrenner experimentiert worden ist“, so Schwarzer.
Sobald all die Namen möglicher Kontakte feststehen, startet ein schneller Marathon an Telefonaten. „Wir rufen bevorzugt an, um sicherzustellen, dass unsere Nachricht auch ankommt.“
Um tatsächlich keine Neuigkeit zu verpassen, haben Schulleiter und Konrektor Routinen entwickelt, wie sie stets auf dem Laufenden bleiben. Ab circa 6 Uhr in der Früh fährt das erste Digitalgerät des Tages hoch, um die aufgelaufenen E-Mails zu checken – begleitet von der ersten Tasse Kaffee des Tages. „Die Herausforderung ist die Dynamik dieses Geschehens, in dem wir uns befinden“, sagt Jansen, der Mathematik, Informatik und Sport unterrichtet. Um sich diese Arbeit aufzuteilen, übernimmt einer die geraden Kalenderwochen in Sachen Kommunikation, in ungeraden der andere. „Wenn ein Kind erkrankt ist, macht das ganz schnell auf verschiedenen Kanälen die Runde. Darum müssen wir schnell sein, um Eltern und Schüler rasch zu informieren“, weiß Schwarzer. „So gesehen, sind wir momentan in den Klassen nicht so gern gesehen“, sagt er. „Denn wenn wir kommen, bedeutet das derzeit oft, dass es einen Corona-Fall gibt.“
Die bereits weit vor der Corona-Pandemie begonnenen Schritte zur Digitalisierung der Schule zahlen sich jetzt aus – was die Kommunikation über Formate wie Teams angeht, aber auch den digitalen Distanzunterricht.
Außer Frage steht für beide, dass die außerhalb der Pandemie prioritären Aufgaben der Schulleiter nicht zum Erliegen kommen dürfen. „Organisation, Personalentwicklung und Unterrichtsentwicklung – all das läuft weiter“, sagt Jansen. Von einer Überlastung durch die pandemiebedingten Mehrarbeiten möchten beide allerdings nicht sprechen. „Jeder, der sich in einer Führungsposition befindet, muss so etwas schon einkalkulieren“, findet Schwarzer.

Schule und Pandemie
Kurse wegen Corona auch in den Ferien
Während der Herbstferien hat das Städtische Gymnasium Rheinbach Kurse eingerichtet, um während der Corona-Krise entstandene Lernrückstände aufzuholen. Die Kurse fanden an zwei Tagen für jeweils sechs Zeitstunden statt – finanziert vom Land NRW. Schulleiter Stefan Schwarzer: „Gerade nach Schulbeginn haben wir bemerkt, wie unterschiedlich insbesondere die jüngeren Schülerinnen und Schüler aus der Zeit der Schulschließung nach den Sommerferien zu uns kamen.“ 

Text: Mario Quadt | Fotos: Axel Vogel

Stefan Schwarzer (r.) und Marcelo Jansen stimmen gemeinsam die Sitzpläne ab.